Wer bin ich?
Ich glaube sich diese Frage stellen zu müssen ist schlimm
genug, aber keine Antwort drauf zu haben ist schlimmer. Tag für Tag darunter zu
leiden wer man ist, oder besser gesagt wer man nicht ist. Ich wäre gerne klug,
witzig, hübsch, nett, dünn-…glücklich. Viele werden mir sagen, dass ich das
doch schon bin, vielleicht habe ich nur eine gestörte Selbstwahrnehmung, aber ich bin so nicht. Ich bin dumm, habe
´nen miesen Humor, bin ein dreckiges Miststück und fett. Ich bin nicht
glücklich, obwohl ich alles habe. Ich habe Freunde, einen wundervollen Freund
und eine tolle Familie. Wir sind nicht reich, aber wir haben genug Geld. Ich
bin nicht das Supergenie, aber ich habe einen guten Schnitt von 2,0 und gehe aufs
Gymnasium. Ich bin 1,67m groß und wiege 47kg. Ich wog mal 64kg...64
KILOGRAMM!!! Verdammte Scheiße, ich war so fett, richtig monströs. Naja, so wie
ich jetzt bin fühle ich mich noch fetter.
Ich weiß nicht genau warum ich euch etwas von mir erzählen
will, aber ich tue es halt.
Ehrlichgesagt weiß ich nicht mit was ich anfangen soll,
vielleicht damit wie alles angefangen hat:
Ich ging damals in den Kindergarten, ein kleines Mädchen,
ungefähr 4 Jahre alt, dünn, blond, blauäugig. Hört sich an wie ein kleiner
Engel, aber das war ich noch nie. Ich war das Mobbingopfer, das unter
Wutausbrüchen litt und schon in diesem Alter erste Erfahrungen mit
SVV(Selbstverletzendes Verhalten) machte.
Ich denke gerade darüber nach was passieren würde wenn das
meine Eltern lesen würden, sie würden all das erfahren was ich ihnen nie gesagt
habe…egal, weiter geht´s:
An meinem Kindergarten gab es ein paar ältere Jungs, sie
waren riesig, zumindest in meiner Erinnerung. Wahrscheinlich waren sie nur ganz
normale Fünfjährige. Sie mochten mich nicht, sie hassten und verabscheuten
mich. Und ich erwiderte das mit der Zeit. Ich weiß nicht was genau sie gegen
mich hatten, aber sie beschimpften mich, verschlugen mich, jagten mich durch
den ganzen Kindergarten, drohten mir. Sie riefen mir gemeine Spitznamen
hinterher, ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern was für welche. Ein paar
Mal nannten sie mich magersüchtig, auch wenn ich damals noch ein ganz normales
Essverhalten hatte. Oft kam ich mit neuen Verletzungen, aufgeschürften Knien und
ähnlichem nach Hause, ich schob es darauf, dass ich schrecklich ungeschickt
bin, was ja auch stimmt. Aber meistens war es deren Schuld. Manche Narben kann
ich heute noch sehen, nicht nur innerlich spüren. Zum Beispiel die schmale
Narbe an meinem Handgelenk, damals haben sie mich in einen Drahtzaun geschubst.
Oder die innerhalb meines Mundes, als sie mich die Rutsche runtergestoßen
haben.
Ich hatte schon immer wenige Freunde und vor allem auch
niemand dem ich wirklich alles erzählen konnte, auch in dieser Zeit war das so.
Also fraß ich den ganzen Frust in mich rein, wie immer. Um dem seelischen Schmerz
zu entkommen trat ich gegen Wände um körperlichen Schmerz zu spüren, schlug mir
selbst blaue Flecke und ähnliches. Einmal als meine Eltern sich stritten,
schmiss ich mich die ganze Kellertreppe hinunter und landete unten mit dem Kopf
vor raus. Davon kam ich mit einer fetten Beule.
Damit sie aufhörten mich magersüchtig zu nennen, ich glaube
damals wusste ich eigentlich nicht mal was das ist, habe ich angefangen alles
Mögliche in mich reinzustopfen. Ich nahm immer weiter zu. In der 3. Klasse war
ich dann nicht mehr dünn, nein ich war richtig pummelig. Jetzt wurde ich
gemobbt weil ich fett war. Fetti , fette Sau und ähnliches bekam ich oft zu
hören. Das Beste war aber Elena Elefant, eine Alliteration, ja ich habe in der
Schule aufgepasst.
Die einzige Bezugsperson die ich hatte war Frau H. Sie war
meine Klassenlehrerin. Eine unglaublich
nette, liebevolle Person, sie war mir wichtig. Als ich in der 4. Klasse war
erkrankte sie an Krebs, ich litt unendlich darunter, weinte mich jede Nacht in
den Schlaf, verschloss mich vor allen. Ich konnte mit niemanden mehr reden.
Etwa 1 Jahr später starb sie, aber zu dieser Zeit war ich schon eine völlig
andere Person, ich bin gleichgültig geworden, ich scheiße auf alles und jeden,
ich brauche niemanden. Zumindest zeige ich mich so vor den meisten Menschen.
Mit dem Wechsel auf die neue Schule veränderte sich alles
zum positiven, ich fand neue „Freunde“ und ich konnte meine Vergangenheit
größtenteils vergessen, oder besser verdrängen. Im Sommer 2011 veränderte ich
auch mein Aussehen, „emomäßig“ . Ich wollte damit einfach zeigen, dass ich
machen kann was ich will, ein bisschen rebellieren halt. Tiefschwarz
geschminkte Augen, Schwarze Kleider, Totenkopfkette, vollkommen übertrieben für
eine Zwölfjährige. Mir wurden Sachen wir Emo, Satanistin und ähnliches
hinterhergerufen, Bis heute geblieben ist übrigens Emoschlampe und Emobarbie.
Ich habe mir nie anmerken lassen wie sehr
mich das verletzt. Ich habe mich wieder zurückgezogen, ich habe neue
Leute kennengelernt, übers Internet. Einer davon ist immer noch sowas wie mein
bester Freund, weil ich ihm viel, sogar fast alles anvertrauen kann. Der andere…das
ist sehr kompliziert, lange und es tut weh darüber zu reden. Vielleicht erzähle
ich irgendwann mal von ihm auch wen ich ihn im Moment vollkommen aus meinem
Leben verbannt habe. In dieser Zeit habe ich unbewusst 13kg abgenommen, ich
hatte keinen Hunger, litt unter Appetitlosigkeit. Als ich mich nach langer Zeit
wieder auf die Waage stellte schockten mich die 51 Kilogramm.
Ich lebte mein Leben so gut es ging, aß normal, weinte viel,
verlor alle Freunde außer die eben erwähnten Personen.
Irgendwann schnitt ich mich das erste Mal und es tat so
unglaublich gut, ich schnitt tiefer und jedes Mal wenn ich es tat fühlte ich
mich danach besser.
Nach einigen Monaten stellte ich mich mal wieder auf die
Waage und war erneut geschockt:56kg. Ich bin fett geworden. Es musste sich
dringend wieder was ändern. Das war Ende März, inzwischen wiege ich wie schon
erwähnt 47kg. Ich habe eine Essstörung entwickelt auch wenn ich es nicht gern
zugebe. Ich bin magersüchtig, ich kann nicht aufhören, ich brauche es. Die
Krankheit und mein Freund sind alles was ich habe.
Ich weiß ich bin erst 13, aber ich habe viel in meinem Leben
durchgemacht und ich weiß selber, dass ich absolut lächerlich bin. Aber das bin
nunmal ich. Hasst mich ruhig, ich hasse mich auch, also ist es okay.
Ich habe sehr viel ausgelassen, aber das ist so das
wichtigste.
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